von Wilhelm Hauff

Theaterfassung von Johannes Schmid und Miriam Reimers

Regie: Johannes Schmid
Bühne und Kostüme: Michael S. Kraus
Choreographie: Anna Holter
Musik: Martin Tenschert, Jörg Walesch
Dramaturgie: Miriam Reimers

mit: Sophie Köster, Diana Neumann, Alissa Snagowski; Ingo Biermann, Raphael Fülöp, Jonas Pätzold, Zeljko Marovic und Martin Tenschert (electronics), Jörg Walesch (violin)

Premiere: 17. November 2012, Großes Haus (über 50 Vorstellungen)

www.theaterkonstanz.de

Peter Munk ist unglücklich. Als Sohn eines Köhlers scheint ihm das Leben im tiefsten Schwarzwald kaum eine Perspektive zu bieten. Nichts wünscht er sich sehnlicher als Geld, Ruhm und eine eigene kleine Glashütte, um einmal so mächtig zu werden wie der reiche Ezechiel oder der berühmte Tanzbodenkönig. Zum Glück fallen ihm die alten Sagen vom Glasmännchen und vom Holländer-Michel wieder ein. Entschlossen macht Peter sich auf den Weg in den Wald, um die beiden um Hilfe zu bitten. Das strenge Glasmännchen gewährt Peter seine Wünsche, doch fordert es dafür Fleiß und redliche Arbeit. Diese Ansprüche sind dem übermütigen Peter zu hoch. Er genießt lieber sein neues Leben, wirft das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinaus und steht schnell wieder vor dem Ruin. Jetzt bleibt ihm nur noch der Gang zum Holländer-Michel. Dieser verspricht Peter schnelles Geld und ein unbeschwertes Leben, wenn er ihm im Gegenzug sein Herz überlässt. Peter lässt sich zu dem Geschäft überreden und bekommt anstelle seines Herzens einen kalten Stein in die Brust gesetzt. Schon bald stellt er fest, dass das Leben mit einem kalten Herzen nicht sehr lebenswert ist. Und so macht er sich auf, um sein Herz zurück zu erobern ...



Presse

Warum Geschenke nicht immer glücklich machen, davon erzählt Wilhelm Hauffs Märchen «Das kalte Herz». Regisseur Johannes Schmid macht am Theater Konstanz daraus ein atmosphärisch vibrierendes Familienstück mit Gänsehautfaktor.

Die Grenze zwischen Gut und Böse sieht man im Tannenbühl vor lauter Bäumen nicht. Doch Peter Munk, armer Köhlerbub in Hauffs Märchen «Das kalte Herz» (1828), wagt hier einen gefährlichen Wettlauf um sein Lebensglück. Er hofft, an diesem Ort das Glasmännlein zu treffen, den guten Geist rechtschaffener Leute, und wird von ihm auch wirklich reich beschenkt. Doch weil er töricht wünscht, muss er bald auf die andere, die böse Seite betteln gehen – beim Holländer Michel.

Intensivstation des Grauens

Der füllt ihm zwar die Taschen weiterhin mit Gold und Silber, verlangt aber im Gegenzug sein Herz: sein Mitgefühl, sein Bangen und Zögern, die Lebensfreude. «Was willst Du mit Ängsten und Sorgen»? Da kann Ingo Biermann als wilder Mann des Tannenwalds nur grässlich lachen und mit der Stechstange der Flösser donnern, dass die Kleinen im Publikum sich ducken und an sicherer Schulter ankuscheln. Jonas Pätzold aber als Kohlen-Munk-Peter fasst sich ein Herz: Schwupps, kommt es zu den vielen anderen in den tannigen Tresor (Bühne und Ausstattung: Michael Kraus), die da beim Holländer Michel deponiert sind. Lauter Ehrenmännerherzen übrigens: Alles, was Rang und Namen hat, scheint beim Michel das Gewissen abgegeben zu haben. Es blinkt und piepst wie auf der Intensivstation – was einen Moment lang durchaus zum Lachen ist. Aber vor allem ist es bitterer Ernst: Noch einer, der seine Sorgen über Bord geworfen hat! Wie sonst könnte man bestehen in einer Welt, die vom Geld regiert wird?

Die Moral des Märchens liegt, anders als die Linie, die das gute Glück vom teuer erkauften trennt, klar vor Augen im Weihnachtsstück am Theater Konstanz. Für Zuschauer ab sechs haben Regisseur Johannes Schmid und Dramaturgin Miriam Reimers die Geschichte bearbeitet, mit durchaus schauriger Atmosphäre angereichert und sinnvoll gestrafft. Intensiviert, könnte man sagen. Angesprochen wären aber vor allem auch Menschen ab jenem Alter, in dem das Geld in den Mittelpunkt der Lebensführung tritt: Alle Grenzgänger zwischen Fleiss und Anstand hier, gewissenloser Gewinnmaximierung da. Insofern passt das Stück zum einen bestens in den Spielzeit-Schwerpunkt «Borderline», zum andern ebenso zu Christoph Nix' Grundhaltung eines Theaters, das sich einmischt und engagiert. Was in «Das kalte Herz» freilich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger geschieht – dank einer guten Verbindung von Spiel und Erzählung (Diana Neumann).

Herzen in Wallung

Zwar sind die Szenen reichlich knapp und verkürzt, so dass die Figuren eher schablonenartig gezeichnet werden können – was aber dann prägnant gelingt, etwa bei Zeljko Marinovic als Tanzbodenkönig oder Alissa Snagowski als Glasmännlein. Licht und Musik sorgen jedoch auf subtile Art für Herzklopfen. Mit Geige und Elektronik bringen Martin Tenschert und Jörg Walesch nicht nur den Tanzboden in Wallung. Vielmehr bewegen sie sich jenseits von guter Natur und böser Welt: im Zwischenbereich der Kunst.

(Bettina Kugler in Thurgauer Zeitung vom 19.11.2012)