Kammeroper von Benjamin Schweitzer nach dem Roman von Robert Walser
(UA 2000)

Regie: Johannes Schmid
Musikalische Leitung: Christian Schumann
Ausstattung: Michael S. Kraus
Choreographie: Anna Holter
Dramaturgie: Magdalena Zorn

mit: James Cleverton, Michael Ransburg, Matteo de Monti, Terhi Kaarina Lampi, Sven Fürst, Christof Breitenmoser und Lucia Blazickova, Manuela Iacob, Carlos Petruzziello, Riccardo Botta, Andrzej Hutnik, Jeong Soo Lee, Martin Summer, Emma Skyllbäck

Sinfonieorchester St.Gallen

Premiere: 15.04.10, 20 Uhr, Theater Sankt Gallen/Theater im Zelt

Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser war zu Lebzeiten relativ unbekannt. Heute zählt er zu den wichtigsten literarischen Figuren des 20. Jahrhunderts. Sein Roman Jakob von Gunten, der den Prozess des Werdens und Wachsens, wie ihn der klassische Bildungsroman kennt, vor dem Hintergrund des surrealen Innenlebens einer Erziehungsanstalt regelrecht dekonstruiert, hat der Nachwelt so manches Rätsel aufgegeben. Der deutsche Komponist Benjamin Schweitzer macht Walsers sich selbst versagende Logik in seiner gleichnamigen Oper aus der Sicht des heutigen Zeitgenossen hörbar, indem er mit seiner Musik eine Gegenwelt zu jener schildert, die wir tagtäglich erleben.
Ein junger Mann namens Jakob findet sich im Dienerinstitut Benjamenta ein. Er gibt sich von Anfang als Individualist. Die Begegnungen mit den Menschen dort verwirren ihn. Wer kann das Geheimnis des Lebens lüften? Ist es der Kollege Kraus, der Jakob wie ein «Gleichnis der Rechtschaffenheit» erscheint? Ist es Lisa, die Schwester des Schulleiters, die sich innerlich verausgabt, um Jakob in ihren Bann zu ziehen? Oder ist es Herr Benjamenta selbst, der sich Jakob zunehmend freundschaftlich nähert? – Was bedeutet eigentlich «Erwachsenwerden»? Nach dem einzigen Augenblick körperlicher Nähe zwischen Jakob und Lisa stirbt die Schwester des Schulleiters. Das letzte Bild der Oper zeigt eine Totenwache, der am Ende nur mehr Jakob und Herr Benjamenta beiwohnen. In Jakob streiten konträre Sehnsüchte. Was soll er denken? Wofür wird er sich entscheiden? …Das Leben ist schliesslich kein Zeitvertreib.

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Presse

 

Sie sehen alle (fast) gleich aus, die Zöglinge des Diener-Instituts Benjamenta. Jacke, kurze Hose, Gilet, ein Hemd mit Vatermörder-Kragen und Krawatte, Perücke aus Schnüren geflochten. Sie bewegen sich gleich und womöglich im Gleichtakt, abgerichtet zu perfektem Funktionieren ohne Fehl und Tadel. Auch Jakob von Gunten, aus gutem Haus stammend, möchte solch dienerhafte Perfektion erreichen. Doch da ist seine eigene Natur, die sich nicht einfach zur Demut zwingen lässt, da ist Lisa Benjamenta, Schwester des Institutsvorstehers, Lehrerin und einzige Frau im Institut. Und da ist schließlich der Vorsteher selbst, wie Lisa angezogen von Jakob, dessen inneres Unangepasstsein beide nicht nur intellektuell, sondern auch sinnlich irritiert. Der deutsche Komponist Benjamin Schweitzer nähert sich dem Tagebuchroman von Robert Walser in seiner vor zehn Jahren in Meißen uraufgeführten Kammeroper höchst intellektuell. Ein von Christian Schumann ebenso präzis wie behutsam geleitetes, solistisch besetztes Sinfonie-Orchester, im Theaterzelt St. Gallen hinter der Spielfläche postiert, setzt Tontropfen in die Texte. (…) Den Sängerinnen und Sängern verbleiben, abgesehen von Lisas ausgedehntem, von der auch darstellerisch höchst präsenten Terhi Kaarina Lampi sehr expressiv gesungenem Solo im dritten Akt, vorwiegend rezitativische Passagen. Und Jakob, von James Cleverton in seinem Schwanken zwischen Demut und Auflehnung eindringlich verkörpert, ist der Schauspieler Michael Ransburg als „Alter Ego“ zugesellt, ein Sprecher, der weit über die bloße Sprechrolle hinauswächst und die Sprache Walsers in ihrem Wechsel von ungefährer Beiläufigkeit und äußerster Präzision lebendig werden lässt. Die klangliche Verhaltenheit kommt zwar der Textverständlichkeit auch in den gesungenen Passagen zugute; zugleich aber wird das Gefälle zwischen Wort und Musik noch offenkundiger. Umso bestechender ist die szenische Umsetzung durch Johannes Schmid, den Ausstatter Michael S. Kraus und die Choreografin Anna Holter. Eine riesige liegende Trommel, seitlich offen und von einem Laufsteg umfasst, bildet die Spielfläche; dem Rand entlang sind schachtartige überdeckelte Öffnungen als Behausungen der Zöglinge eingelassen. Doch unter den Deckeln kriechen diese hervor, lassen sich brav den täglichen Löffel Lebertran einlöffeln, als schleckten sie Honig, studieren ihr einziges Lehrmittel, das schmale schwarze Heft mit den Weisheitslehrern der Institutsleitung, klettern auf die Spielfläche und vereinen sich zu einem groteksen Chor. Bilder und Figuren prägen sich ein. (…) Nicht die Musik, wohl aber die bis ins Detail stimmige und ausgefeilte Inszenierung, sowie Sprache und Figuren Walsers lassen diesen „Jakob von Gunten“ zu einem Ereignis werden.
(Peter E. Schaufelberger in Südkurier vom 20.04.10)

Rhythmischer Sprechgesang, ungewohnte Orchestermusik und literarische Verwirrungen: Das Theater St. Gallen bringt mit der Kammeroper «Jakob von Gunten» des deutschen Komponisten Benjamin Schweitzer eine tragikomische Geschichte ins Theaterzelt. (…) Auch wenn die Musik oft dissonant, der Sprechgesang monoton ist: Die Inszenierung von Johannes Schmid sorgt für viele Überraschungen. Die geschickte Einteilung lässt die winzige runde Bühne im Theaterzelt zu einer fantastischen Szenerie werden, in der immer irgendwo etwas los ist.
(Silvia Minder, Schweizer Depeschenagentur vom 16.04.10)

Kargheit kennzeichnet die Klangkulisse in den Benjamenta'schen „Gewölben der Armut“, hinter denen der Tagebuchschreiber lange Zeit prachtvolle „innere Gemächer“ vermutet wie Kafkas Landvermesser das ominöse Schloss. Von den Sängerin ist äußerste Konzentration und traumwandlerische Sicherheit auf unsicherem, rhythmisch vertracktem Terrain gefordert, während der Zuschauer das Glück der doppelten Null, der sichtbaren Persönlichkeitsspaltung Jakobs erfährt: Wie ein Schatten folgt dem singenden von Gunten (James Claverton) sein schreibend kommentierendes Alter Ego. Schauspieler Michael Ransburg hält die Fäden der reduzierten Handlung in der Hand; er ist die eigentliche Hauptfigur, sein Part die dankbarste Rolle im Stück. Er agiert als Übersetzer, der Rituale aus einer geheimen Unterwelt beinahe frivol distanziert vermittelt und uns erspart, aus jedem einzelnen Ton der Partitur schlau werden zu wollen. So präzise nämlich Benjamin Schweitzer den mäandernden Text sondiert, mit der Vertonung für Stimmen und solistisch mitmurmelnde Instrumente zwischen den Zeilen spaziert: mit blossem Verstehenwollen kommt man seiner Musik nicht bei, mit psychologischen Mustern erst recht nicht. (…) Die klare, zuweilen wie Puppentheater in Lebensgrösse wirkende Regie mit ihrem Sinn fürs Skurrile hilft Sängern wie Publikum bei der Orientierung.
(Bettina Kugler in Tagblatt vom 17.04.10)

Mit dem Bariton James Claverton als singendem und Michael Ransburg als sprechendem Alter Ego sind Protagonisten am Werk, die sich nicht nur äußerlich gleichen, sondern ihren Part auf ihrem jeweiligen Feld gleichermaßen prägnant gestalten und so Oper und Sprechtheater verschmelzen lassen. Die Inszenierung von Johannes Schmid nutzt diese Verdoppelung aber auch zur Darstellung psychologischer Widersprüche und die Spaltung der Persönlichkeit in die Aspekte des Handelns und Reflektierens (…) ist sehr überzeugend. Konsequent ist auch, dass man es im Übrigen mit Opernfiguren zu tun hat, die sich wesentlich durch ihre Stimme, durch Timbre und musikalischen Ausdruck in einem allerdings nur selten weit ausholenden Notentext definieren. (…) Als Sprech- und Gesangschor gesetzt ist die Gruppe der Lehrlinge, deren Leben das Dienerinstitut unter dem Deckel hält. Die Ausstattung (Michael S. Kraus), die mit gezielter Verfremdung auf die seltsame Geschichte reagiert, zeigt das auch ganz konkret, und insgesamt bieten Werk und Inszenierung einen Einblick in die Welt von Robert Walser, die den Weg ins Theater lohnt.
(Herbert Büttiker in Thurgauer Zeitung und Landbote vom 17.04.10)

Das historische Spiegelzelt, das dem Theater St. Gallen aktuell als alternative Spielstätte dienst, stellt ein ebenso stimmungsvolles wie herausforderndes Umfeld dar, das der Kammeroper „Jakob von Gunten“ (…) sowohl historisch wie auch für ihre räumliche und musikalische Intimität ein passendes Ambiente ist. (…) der Text steht absolut im Vordergrund, wohl auch durch die Tatsache, dass der Titelpartie ein sprechendes Alter ego zugeordnet ist, das Partien aus dem Roman liest. In seiner Inszenierung setzte Johannes Schmid diese Spiegelung virtuos um. Das Ensemble ging auf seine Intentionen außerordentlich sensibel ein, kleinste Regungen waren mit Bedeutung angefüllt und doch von heiterer Leichtigkeit. In diesem Sinne fügte sich auch die feine Choreografie von Anna Holter homogen ein. Michael Ransburg als Sprecher und Jakobs Alter ego war ein absolut packender Verführer, dessen Blick und Sprache einen in die Handlung hineinsog, und dessen Intensität James Cleverton im singenden Jakob aufzunehmen und weiterzugeben in der Lage war. (…) Eine anspruchsvolle Produktion aus einem Guss, die auf erfreulich wache und gute Resonanz stieß.
(Felix Falkner in Orpheus, 7+8.2010)



 

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