von Fausto Paravidino

Regie: Johannes Schmid
Ausstattung: Michael S. Kraus
Musik: Christian Heiß
Choreographie: Birgitt Paulus, Anna Holter
Dramaturgie: Georg Holzer

mit: Ulrike Arnold, Katharina Gebauer, Anna Holter, Stefan Maaß, Stefan Wilkening und Martin Liema/Mathias Zera, Frederic Linkemann

Premiere am 19.10.2008, 19 Uhr, Bayerisches Staatsschauspiel/Marstall
44 Vorstellungen über drei Spielzeiten!

Eine norditalienische Kleinstadt wird von einem Verbrechen aus ihrer routinierten Langeweile gerissen. Eine junge Frau aus gut bürgerlichen Verhältnissen wird in einem Straßengraben gefunden, nackt, tot. Ein verlebter, aber noch ehrgeiziger Kommissar macht sich auf die Suche nach dem Mörder. Die Mutter des Opfers sucht nach der Tochter, die ihr nahe war und von deren Leben außerhalb des Elternhauses sie doch kaum etwas weiß. Worauf sie stoßen, ist eine Welt von hoffnungslos spießigen Kleinkriminellen, gelangweilten Jugendlichen und hinter bürgerlichen Fassaden schlecht verborgener Grausamkeit und Stumpfheit. In der europäischen Provinz entdeckt Paravidino das, was er die „Peripherie von New York“ nennt: eine Gesellschaft auf dem Abstellgleis, die sich aus ihrer Enge in eine globalisierte Fernsehwelt flüchtet und nur durch einen Mord – vorübergehend – wieder in eine eigene Realität findet.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de


Presse

Spartanisch leer die Bühne von Michael S. Kraus: ein Stück Straße, hinten zu einer Steigung erhöht, auf der das Leben bildlich immer wieder ins Rutschen kommt. Regisseur Johannes Schmid nutzt diesen Raum geschickt für expressives, rasantes Körpertheater – vor allem bei den bösen Buben (Martin Liema, Stefan Maaß und Frederic Linkemann). Aber auch die Frauen (Ulrike Arnold als innerlich zerbröckelnde Mutter und Katharina Gebauer als herbbittere Hure) zeigen deutliche Konturen. Stefan Wilkening als Knautsch-Kommissar mit Bauchweh steht souverän im Mittelpunkt.
(Rolf May in TZ vom 21.10.08)

Alle schildern sie die Geschichte aus ihrer Sicht, in abwechslungsreichen Monologen – eine darstellerische Herausforderung für jeden einzelnen. Die Schauspieler meistern sie – offensichtlich gut geführt durch den 34-jährigen Regisseur – ausnahmslos auf hohem Niveau. Ulrike Arnold macht das vorzeitige Ergrauen der Mutter sichtbar. Stefan Maaß kehrt schelmisch den Kleinbürger heraus, der in diesem Dealer steckt. Und Stefan Wilkening gibt den Kommissar mit abgebrühter Fassade, der glaubt, die Welt sei so ordentlich wie sein tadellos gepflegtes Schuhwerk (...). Mehr soll nicht verraten werden. Viel zu schön ist es, hier mitzurätseln.
(Christine Diller in Münchner Merkur vom 21.10.08)

Regisseur Johannes Schmid bleibt bei der anti-illusionistischen Dramaturgie des Autors, bricht sie nur selten in kurze Dialoge auf und verkneift sich mit Ausnahme der Kostüme jeden Naturalismus. Die von Michael Kraus entworfene Spielfläche ist ein start stilisiertes Stück Landstraße, auf dem hoch präsente Schauspieler Typen und Chargen zu einem fast durchweg spannend zu beobachtenden Personengeflecht weben. Herausragend sind Stefan Wilkening als cooler Profi-Cop mit Magenproblemen und Katharina Gebauer als osteuropäische Zwangsprostituierte, die sich noch die Kraft erhalten hat, ihr vormals gelobtes Land mit Verachtung zu strafen: „Italien ist ein kleiner Platz vor einer Agip-Tankstelle“.
(Mathias Hejny in Abendzeitung vom 21.10.08)

Ein ungemein spannender Krimi des 1976 in Genua geborenen Autors Fausto Paravidino (...) und eine Inszenierung dazu, die ganz gewaltig unter die Haut geht. Denn nicht nur die Schauspieler agieren hier ungemein authentisch und typengerecht, sondern auch der Regisseur Johannes Schmid hat diesen italienischen „Tatort“ (...) ganz kühl, ohne jeglichen Schnickschnak oder filmisches Beiwerk, aber psychologisch höchst einfühlsam in Mono- und Dialoge zerlegt. Und um die Spannung noch zu erhöhen und die Atmosphäre solch einer schwierigen Ermittlungstätigkeit spürbar zu machen, baute der Regisseur scheinbar unvermittelt Emotionsausbrüche der Figuren ein, die immer wieder die Verhöre und die Reflexionen über die Tat dramatisch unterbrechen. Kurzum: Ein mitreißender, ein aufwühlender Krimi im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels. Enthusiastischer Applaus des Premierenpublikums.
(Hannes S. Macher in Donaukurier vom 22.10.08)

Johannes Schmid löst in seiner angenehm unprätentiösen Inszenierung die prosanahe Monologstruktur des Stückes nicht auf, lässt seine Schauspieler frontal ins Publikum sprechen. (...) Das Ensemble bewältigt die schwierige Aufgabe, die Spannung nahezu ohne szenische Interaktionen zu halten, ausnahmslos überzeugend.
(Petra Hallmayer auf www.nachtkritik.de)

Begegnungen zwischen der Figuren gibt es wenige, aber diese wenigen sind klug gesetzt und verraten viel vom Fein- und Rhythmusgefühl des Regisseurs.
(Sabine Leucht in Süddeutsche Zeitung vom 23.10.08)

Tags darauf erwacht das Staatsschauspiel (...) zum Leben. Johannes Schmid, in München bekannt durch Inszenierungen in der freien Szene und am Theater der Jugend und als Filmproduzent und Filmregisseur, soll wohl eine Art Frischzellenkur herbeiführen, was er in der ihm eigenen, ästhetischen Weise durchaus tut. Paravidinos „Stillleben in einem Graben“ ist der Versuch einer ironischen Literarisierung der Fernsehkrimis, der Soaps. Italienische Vorstadt und italienisches Vorabendfernsehen werden hier ein Bedeutungspaar, in epische Höhen des Theater gehievt. (...)Auch hier ist die Bühne technoid leer, aber im Soundtrack von Christian Heiß erblühen die Figuren zu einem trotzig der Literatur abgerungenem Leben. Vor allem Stefan Wilkening als genretyoisch magenkranker Kriminaler, Katharina Gebauer als dem eigenen beschissenen Leben offensiv gegenüberstehende Hure und Ulrike Arnold als wissend leidende Mama machen Lust auf die Geschichte (...). Ein bisschen drollig mutet Paravidinos Drang, Missstände unmissverständlich bloßzulegen, schon manchmal an. Aber im Falle von „Stillleben in einem Graben“ ist es spannende Theaterunterhaltung.
(Egbert Tholl in Bayerische Staatszeitung vom 24.10.08)